Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
guten Abend. Meine Frau und ich wünschen Ihnen frohe und gesegnete Weihnachten. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Wir haben uns sehr auf Weihnachten gefreut. Die Familie kommt zusammen, wir gehen in die Kirche, dann singen und essen wir gemeinsam, und die Kinder, längst erwachsen, sind immer noch gespannt auf die Bescherung. Zu bereden gibt es genug nach allem, was dieses Jahr gebracht hat. Hoffentlich können auch Sie ein paar Tage der Ruhe und Besinnung erleben!
Weihnachten erinnert uns daran, dass wir uns umeinander kümmern sollen - nicht nur in der Familie oder im Freundes- und Bekanntenkreis. Es gibt viele Möglichkeiten, für einen anderen da zu sein. Das kann damit beginnen, dass wir einfach mal zuhören und einem Fremden ein Lächeln schenken. Mitmenschlichkeit fängt im Kleinen an.

Bei vielen Begegnungen überall im Land habe ich immer wieder erlebt, wie Menschen füreinander da sind und sich gegenseitig unterstützen: Ich habe eine Nachbarschaftsinitiative kennen gelernt, die Jugendliche mit einer Mischung aus Sport, Gemeinschaft und Disziplin von der schiefen Bahn holt. In einem Haus, wo alte und junge Menschen sich treffen, habe ich erlebt, wie die Älteren für die Nachbarschaft Theater spielen und Kinder betreuen. Junge Familien werden entlastet, und ältere Menschen erkennen, dass sie gebraucht werden. Ich habe Wissenschaftler kennen gelernt, die Spitzenforschung betreiben und damit Arbeitsplätze von morgen vorbereiten. Zugleich haben sie aus eigener Initiative für eine Kinderkrippe gesorgt, damit Familie und Beruf unter einen Hut passen. Und ich habe Firmenchefs getroffen, die sich den Kopf darüber zerbrechen, wie sie Arbeitsplätze in Deutschland erhalten können. Solche Beispiele gibt es überall - bestimmt auch in Ihrer Nähe. Sie machen Mut und zeigen, dass es in unserem Land viele Menschen mit guten Ideen gibt. Manchmal habe ich den Eindruck, die Menschen in unserem Land sind schon weiter als die Politik.

Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger, wir können die großen Aufgaben in unserem Land bewältigen. Jeder einzelne kann seinen Beitrag dazu leisten. Von der Politik erwarte ich, dass sie klar und wahrhaftig handelt und den Menschen nichts vormacht. Dabei ist es ganz normal, dass sich die Parteien um den richtigen Weg streiten. Patentlösungen gibt es nicht. Aber wir müssen erkennen, dass unsere Kinder und Enkel nur dann eine gute Zukunft haben können, wenn wir Veränderungen wagen. Ich bin zuversichtlich: Es wird gut ausgehen, wenn wir den Mut finden, uns auf die Kraft der Freiheit und Menschlichkeit zu besinnen.

Vor einigen Tagen bin ich aus Afrika zurückgekehrt. Den meisten Menschen dort geht es wirklich schlecht. Viele hungern Tag für Tag. Besonders die Not der Kinder ist groß. Doch wissen Sie was? Mitten im Elend habe ich auch viel Kraft, Mut und Lebensfreude gespürt. Ich soll sie übrigens von Fatuma grüßen, einer Frau aus dem äthiopischen Hochland. Sie hat mich gebeten: "Sagen Sie den Deutschen, wie dankbar wir sind!" Mit Spenden aus Deutschland wurde es möglich, Fatuma von der Lepra zu heilen. Jetzt baut sie, wieder mit deutscher Hilfe, gemeinsam mit anderen Frauen eine kleine Landwirtschaft auf. Fatuma hat mir gezeigt, wie klug sie mit den Spenden aus Deutschland umgeht. Das hat mich beeindruckt.

Am Horn von Afrika habe ich unsere Soldatinnen und Soldaten besucht. Sie haben mir erzählt, wie sie Weihnachten auf der Fregatte feiern. Ich habe sie von Ihnen allen gegrüßt und mich für ihren Einsatz bedankt. Denn während wir diese Tage zu Hause verbringen, tun sie und ihre Kameraden in anderen Teilen der Welt Dienst für Frieden und Freiheit - fern von ihren Familien und oft unter Einsatz ihres Lebens. Unsere Soldatinnen und Soldaten haben unseren Dank und unsere Anerkennung verdient.

Dank schulden wir auch denen, die hier zu Hause an den Feiertagen arbeiten. Die einen kümmern sich um die Kranken oder retten Unfallopfer. Andere sorgen dafür, dass auch über Weihnachten der Alltag klappt. Für uns ist das alles oft selbstverständlich. Der Polizist, die Krankenschwester, der Busfahrer - gerade heute sollten wir an die denken, die für uns Dienst tun. Dankbarkeit haben auch alle verdient, die sich freiwillig und ehrenamtlich, zu Hause und in aller Welt für ihre Mitmenschen einsetzen.

Manche von uns spüren gerade an Weihnachten auch Einsamkeit, Not und Sorgen. Und uns alle bedrückt, wie viele Menschen in Deutschland ohne Arbeit sind. Ich möchte alle, denen es nicht so gut geht, ganz besonders herzlich grüßen und wünsche Ihnen, dass es für Sie bald wieder aufwärts geht.
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, wie auch immer Sie heute Weihnachten feiern: Meine Frau und ich wünschen Ihnen frohe Festtage, und alles Gute und Gottes Segen für das kommende Jahr!