Mirko Martin
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Traum u. Wirklichkeit einer Stadt
Wo ist das Kino?
Noir City
Die schizophrene Stadt
Sichtbarkeit als Falle
An der Kreuzung vor Haus Nr. 55
Rollen und Rätsel

Daniel Neugebauer
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Rollen und Rätsel
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Ein angespannter Bizeps wird zum Gradmesser für Coolness, aufgeregte Handytelefonate verbinden sich zu einer Choreografie der Nichtigkeiten, Blitzlichtgewitter erhellen Personen, die wir nicht zu Gesicht bekommen. Die visuelle Welt Mirko Martins isoliert, engt ein, beschneidet. Die Linse der Video- oder Fotokamera setzt er an wie ein Messer und entfernt das vermeintliche Hauptgeschehen einer Situation und damit Sicht- und Wahrnehmungsweisen, die stereotyp geworden sind. Insofern kann man Martins künstlerische Methodik chirurgisch nennen. Das beschreibt allerdings zunächst nur das soziologische oder psychologische Grundinteresse, das vielen seiner Arbeiten zugrunde liegt. Die Präzision der gemachten Einschnitte, die Unerbittlichkeit seines Blicks, zuweilen durch eine Reduktion der Geschwindigkeit verstärkt, verbindet operative Technik oft mit einer dramatischen Ästhetik. Medizinisch ausgedrückt, würde ich von einer Art plastischer Chirurgie sprechen. Doch im Gegensatz zur plastischen Chirurgie erfindet Mirko Martin kaum je etwas hinzu, was das Gefilmte oder Fotografierte schöner oder interessanter macht als es ursprünglich war. Er setzt nicht beim Objekt an, sondern beim Betrachter. Der operative Eingriff erfolgt so, dass nicht etwa das behandelte Objekt verändert wird, sondern der Blick, der dieses Objekt trifft. Hier befinden wir uns inmitten von Mirko Martins Forschungsbereich.
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Ansatzpunkt seiner Untersuchungen, besonders in Bezug auf die Videoarbeiten, sind Rollen. Rollen, die Menschen bewusst oder unbewusst annehmen und damit ebenso bewusst oder unbewusst Aussagen über sich und ihr soziales und ästhetisches Umfeld machen. Dabei kann sowohl die Konstruiertheit als auch die Flexibilität von Rollen in den Vordergrund treten und via Performanz überprüft werden. Innerhalb der Arbeiten zeigt sich das an verschiedenen Facetten.
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In den Videos wird deutlich, dass Mirko Martins Grundinteresse eng an dem nicht immer unmittelbar nachvollziehbaren Verhalten von Menschen verläuft, indem er beispielsweise in Arbeiten wie Eine Rede Körper zur Überprüfung von verbalen Inhalten einsetzt oder aber in Javi oder Flow aus den körperlichen Gebaren soziologische Vermutungen ableitet, die wiederum zur Spekulation einladen. Denn obwohl die auftauchenden Personen in der Regel einem spezifischen Milieu entstammen, muss die Zuordnungsarbeit ebenso wie eine Bewertung erst in den Köpfen der Betrachter passieren. Martin zwingt nicht etwa dazu, die eine Rolle kritisch, die andere als gut zu bewerten.
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Immer scheint ein Künstler am Werk zu sein, der sein Skalpell mit äußerster Präzision anlegt, um seiner Faszination für die „Anderen“ nachzugehen. Bei seiner Arbeitsmethode, Personen und Situationen abzufilmen, um damit einen narrativen Raum zu öffnen, geht er sehr spezifisch vor. Er bedient sich verschiedener Techniken der Reduzierung (Schnitt, Zoom, Zeitlupe, Wegnahme des Tons), die beinahe wissenschaftlich akkurat eingesetzt werden, um eine möglichst wenig prätentiöse Form der Beobachtung einnehmen zu können. Seine Bildästhetik resultiert dabei zum einen aus dem Wechsel von verschiedenen filmisch eingefangenen Rollenmustern, die von seinen Protagonisten erprobt und ausgelebt werden, andererseits aus dem Zusammenprallen von Natürlichkeit und Künstlichkeit. Das ästhetische Moment entsteht als die Wahrnehmung der Wechsel von Rollen, die real in der Regel nur einzeln, im Kunstwerk jedoch gemeinsam erfahrbar werden. So geraten verschiedene Ebenen des Verhaltens ins Blickfeld, gerade so, als taste ein Arzt einen Körper ab und nutzte zusätzlich noch Ultraschall und Röntgen.
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Die in den Videos vorherrschende Mehrfachperspektive wird in der Fotoserie L.A. Crash durch die Unterschiedlichkeit der einzelnen Aufnahmen erzielt. In dieser Arbeit, die zum Teil auf fiktiven, zum Teil auf realen Vorkommnissen beruht, trifft der Betrachter auf ähnlich ambivalente Situationen wie in den soziologischen Videostudien. Allerdings ist die Arbeit dem spezifischen Charakter des fotografischen Mediums insofern verpflichtet, als die in den Aufnahmen zu sehenden spannungsreichen, jedoch erstarrten Momente in hohem Maße um das Rätsel ihrer Vorgeschichte kreisen. Dabei wird eine merkwürdige Zeitlosigkeit zwischen Zufall und Inszenierung generiert. Jedes Einzelbild der Serie hält einen Moment fest, der beiläufig wirkt, beim näheren Hinsehen jedoch niemals ganz in einen schlüssigen Kontext einzubinden ist. Was bleibt, ist das Gefühl eines Geschehens, das an uns vorbeiläuft. Das Irritierende daran ist: Es ist uns egal, das große Event zu verpassen, weil Martin uns mit der Magie dieser Momente gefangen zu nehmen weiß.
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Die Betrachtung der Arbeiten Martins macht deutlich, dass er nicht an einer homogenen Bildsprache, sondern vielmehr an einer gewissen Vielfalt der Ausdrucksformen interessiert ist. In seiner oftmals auf Verfahren der Reportage zurückgreifenden Arbeitsweise werden ungewohnte Perspektiven erprobt, um zu einer alternativen, peripheren Betrachtung der Ereignisse zu gelangen. Wird in The Legend of Zorro mit einer Doppelprojektion gearbeitet, um Nebenschauplätze zu isolieren und so eine umfassendere Wahrnehmung der Situation bei der Premiere eines Hollywoodfilms zu beschreiben, geschieht dasselbe bei Javi, indem der Protagonist in einem Menschenstrom fest im Fokus gehalten wird und damit jeder Blick, jede Geste als Vokabel in seinem Gesicht lesbar wird. Geschickte Schnitte lösen sein Verhalten von jedem Zweck (eigentlich versucht er, Kunden in ein Nachtlokal zu bringen), sodass als Substrat die bloße Oberfläche des mimischen Ausdrucks bleibt. Wieder wird wie in einer ärztlichen Behandlung das zu untersuchende Element isoliert. Durch diese Technik öffnet sich ein Raum der Spekulation, ein Raum für Geschichten, ein Raum für die Konfrontation mit Klischees und den Stereotypen des eigenen Denkens.
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In der humorvollen Arbeit Traffic prallt dieses Bloßlegen von Verhaltensmustern zurück zum Betrachter. Denn natürlich ist es komisch, die Fernfahrer in diesem Video bei scheinbar synchronisiertem und choreografiertem Telefonieren zu beobachten. Zugleich aber fragt man sich unwillkürlich, ob man selbst nicht ebenso „ferngesteuert“ wirkte, würde man in einer Gruppe von Menschen gefilmt werden, die das gleiche tun wie man selbst.
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Wenn Martin in Flow die Männlichkeitsposen von Jugendlichen durch Zeitlupe einer visuellen Analyse aussetzt, geschieht dies in erster Linie dazu, durch Verlangsamung die Lesbarkeit ihrer Körperlichkeit zu erhöhen. Durch die Bildfolge entsteht hier ein geschlechtlicher sowie sozialer Subtext. Muskelspiel, das gemeinhin als Einschüchterungsgebaren verstanden wird, scheint weniger plump oder aggressiv, wenn es als spielerischer Reflex einer Gruppendynamik erfahren wird. Selbstbehauptung, aber auch liebevolle Sorge um den Zusammenhalt der Peergroup lassen verschiedene Lesarten eines Bizeps’ zu. Das Individuum und die Gruppe, das Unbewusste wie das Kalkulierte, das Zeigen wie die Camouflage, der Macker und der Kumpel überziehen den gefilmten Leib als ein Geflecht aus Zeichen.
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Umgekehrt funktioniert Eine Rede: Ausgangspunkt ist hier nicht der Körper, der auf seine Textualität hin untersucht wird, sondern ein Text, der mit Körpern in Kollision gerät. Die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten wird darin von Menschen „wie du und ich“ in ihren eigenen Wohnungen vorgetragen. Die Anwendbarkeit der offiziellen Worte auf deren Empfänger wird so visuell überprüft. Das gut Gemeinte wirkt nun zum Teil witzig, zum Teil ironisch, manchmal aber auch ernsthaft oder traurig. Verbaler und visueller Text werden in beiden Arbeiten in ihrer Verschränktheit erfahrbar. Das audiovisuelle Medium ermöglicht hier einen sonst unmöglichen Blick auf den „körperlichen“ Aspekt von Worten, nämlich indem man sieht, dass sich die Bedeutung und Glaubwürdigkeit einer Ansprache nicht nur anhand der rhetorischen Kompetenz belegen lässt, sondern in den Realitäten, die in ihr zum Tragen kommen. Gleichwohl erscheinen die Wohnsituationen der Sprechenden gespiegelt durch die Worte des Bundespräsidenten und die in ihnen zum Ausdruck gebrachten Erwartungen an die soziale Realität. Die Ästhetik resultiert hier aus dem Geflecht von Beobachtung, Erwartung und Konfrontation, sodass jeder Betrachter zu einer eigenen Diagnose gelangen kann.
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Die klare Orientierung hin zu räumlichen Nebenschauplätzen und Details menschlichen Verhaltens macht klar, dass Mirko Martin fernab von Knalleffekten der Nuancierung Raum gibt, Zwischentöne sich entwickeln lässt, statt auf die größtmögliche visuelle Sensation zu setzen. Durch verhaltene Eingriffe in seine Bildelemente führt er unseren Blick in die von ihm intendierte Richtung, ohne sich selbst dabei dominant zu inszenieren. Überzeugend an den Arbeiten ist außerdem, dass die Inhalte sinnlich erfahrbar bleiben und nicht primär kognitiv. Gerade in der distanzierten, sezierenden Herangehensweise zeigt sich deutlich, dass eine grundlegende menschliche Neugier als Impetus wirkt.
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in: Mirko Martin - scenic, Ausstellungskatalog Städtische Galerie Eichenmüllerhaus Lemgo 2008